Mitglieder-Login

Verhandeln, bevor die Fetzen fliegen

Je problemgeladener die Zeit und die Umstände, desto grösser die Explosionsgefahr und die drohenden Kollateralschäden. Aufgrund dieser einleuchtenden Ausgangslage eroberte die Mediation in den letzten Jahren kontinuierlich Terrain; jenes relativ neue Verfahren zur Konfliktlösung durch Verhandeln unter Leitung einer neutralen Drittperson. Der Mediator resp. die Mediatorin muss versuchen, die rechtlichen, wirtschaftlichen sowie emotionalen Aspekte unter einen Hut zu bringen, sie gleichwertig einzubeziehen und den Parteien „schmackhaft“ zu machen – das erfordert viel Fingerspitzengefühl, eine gewisse menschliche Reife sowie entsprechendes Fachwissen. So erstaunt es nicht, dass Dutzende sich konkurrierender Institute, Fachhochschulen und Universitäten entsprechende Bildungspakete schnüren und zu teilweise stolzen Tarifen offerieren. Auch immer mehr deutsche Anbieter drängen auf den hiesigen Markt.

Die wachsende Anzahl der Anwendungsfelder sorgt ebenfalls für Schubkraft, scheinen doch der Diversifikation keine Grenzen gesetzt zu sein. Dominierend ist nach wie vor die Mediation im familiären Kontext (Trennung, Scheidung, Nachscheidung, Nachbarschaftskonflikte, Erbstreitigkeiten usw.), gefolgt von Konflikten am Arbeitsplatz, der Wirtschaftsmediation, Mediation im öffentlichen Raum, Umweltmediation, Konflikte zwischen Mietern und Vermietern sowie zwischen Geschädigten und Versicherungen, Schulmediation, interkulturelle Mediation, Mediation bei Straftaten, Baumediation, Mediation im Alter usw.

Grösserer Konkurrenzdruck

Laut Martin Zwahlen vom Schweizerischen Dachverband Mediation SDM ist der Mitgliederbestand seit 2008 von 800 auf 1200 gestiegen. Den Verbandstitel Mediatorin resp. Mediator SDM darf tragen, wer über ein Zertifikat der anerkannten Ausbildungsinstitutionen verfügt und sich zu regelmässiger Weiterbildung verpflichtet. Parallel zum starken Mitgliederzuwachs erhöhte und erhöht sich naheliegender Weise auch der Konkurrenzdruck, kommentiert SDM-Geschäftsführer Zwahlen die allgemeine Entwicklung. „Die grösste Herausforderung für die meisten Mediatoren besteht wohl darin, genügend Fälle zu haben. Denn nach wie vor wissen viele Leute nicht, was Mediation ist und gehen eher zu einem Anwalt.“ Bislang kaum ausgewirkt, so Zwahlen, hat sich erstaunlicherweise das Inkrafttreten der Zivilprozessordnung mit Mediationsbestimmungen am 1. Januar 2011.
Geregelt werden darin die Schnittstellen zur Mediation, wonach – von Ausnahmefällen abgesehen - vor dem Gang zum Richter ein Schlichtungsverfahren einzuleiten ist. Dabei können sich die Parteien anstelle eines staatlichen Schlichtungsverfahrens auf eine Mediation einigen und diese beim Friedensrichter beantragen. Ein Nachteil dieses Weges ist leider, dass die Kosten in den meisten Kantonen durch die Parteien selbst bezahlt werden müssen, währendem Gerichts- und Anwaltskosten im Rahmen der unentgeltlichen Rechtspflege vom Staat übernommen werden. Von der neuen Regelung dürfte zweifellos eine gewisse Nachfragebelebung ausgehen, wobei allerdings die meisten Mediatoren nur teilzeitlich in dieser Funktion tätig sind. Der betreffende Anteil variiert je nach Spezialisierungsgrad. Die meisten arbeiten in der eigenen Praxis bzw. in Praxisgemeinschaften oder für öffentliche Institutionen. Sie vermarkten ihre Dienstleistungen über ihre individuellen Beziehungsnetze, werden von Beratungsstellen empfohlen oder suchen die potenzielle Klientel via Internet. Sie übernehmen fallweise Mediationsmandate und können innerhalb ihres angestammten Berufes die Zusatzqualifikation nutzen. Allerdings dürfen sich gerade Neueinsteiger und potenzielle Umsteiger keinen Illusionen hingeben. Denn wie es beim Dachverband mit erfrischender Offenheit heisst: „Der Mediationsmarkt ist stark umkämpft. Wer sich behaupten will, muss viel Engagement aufbringen.“

Dieser Kampf um Kunden, Beachtung und Marktresonanz entfällt für die bei Grossfirmen festangestellten Mediatoren. Zahlreiche Unternehmen (beispielsweise UBS, SBB, Post) beschäftigen interne Mediatoren, die sich um optimale Konfliktlösungen bemühen. Zwar verfügen sie naturgemäss über mehr Insiderwissen als Externe, hingegen kann es bei Konflikten auf Führungsstufe zu Komplikationen kommen - und dies gefährdet möglicherweise ihre Position als interessenunabhängige Dritte resp. ihre firmeninternen Karrierechancen.

Grenzen, Chancen, Risiken

Ohnehin agieren Mediatoren in einem schwierigen Umfeld voller Fallstricke und limitierter Einflussnahme. Ihre Grenzen als freiwillige Vermittler in aussergerichtlichen Verfahren werden abgesteckt durch zwei dominierende Einflussfaktoren. Einerseits geht es um die Verhandlungsbereitschaft der involvierten Parteien und andererseits um Bereiche, in denen aufgrund zwingenden Rechts gar keine Ermessensspielräume vorhanden sind. Die Chance wiederum liegt darin, dass die involvierten Parteien ohne hohen Anwalts-, Verfahrens- und Gerichtskosten ihre massgeschneiderte Lösung selbst und erst noch ohne einen zeitraubenden Verfahrensablauf finden. Positiv ins Gewicht fällt zudem die Wahrung der Vertraulichkeit ohne imageschädigende Schlammschlachten. Risiken bestehen deshalb, weil auch Mediationen scheitern können; immerhin liegt diese Rate bei rund 30 Prozent. Ein weiteres Risiko lauert dort, wo Kontrahenten die Mediation lediglich als Vorwand benützen und dadurch Zeit gewinnen wollen. Bei hohem Streitwert empfiehlt sich überdies, dass ein spezialisierter Anwalt die Parteien über die rechtlichen Rahmenbedingungen orientiert und berät. Andernfalls drohen nachträgliche Auseinandersetzungen, sodass die Mediation anstelle der angestrebten Kostenreduktion Zusatzaufwendungen für nachfolgende Gerichtsverfahren nach sich zieht.

Dem Megatrend folgend

Laut letzter, gemäss Verbandsangaben unverändert aktueller Umfrage des SDM (2008), erstreckt sich die grosse Mehrheit der Mediationen (79,5 %) über eine bis sechs Sitzungen, was auf eine hohe Effizienz schliessen lässt. Die längste durchschnittliche Dauer (5,9 Sitzungen) entfällt auf den Bereich „Öffentlicher Raum/Behörden/Umwelt“, erklärbar mit der Komplexität der Fälle sowie der Anzahl Parteien. Die kürzesten Mediationen wiederum gibt es  in den Bereichen „Nachbarschaft“ und „Miete/Stockwerkeigentum“ (je 2,6 Sitzungen). Die durchschnittlichen Kosten einer Mediation betragen  Fr. 1500.-.
Da die aussergerichtliche Konfliktregelung aus verschiedenen, nicht ganz unumstritte-nen Gründen zunimmt, dürfte von diesem Megatrend auch die Mediation profitieren. Zudem haben die Rechtschutzversicherungen erkannt, dass sie damit Kosten sparen können und fördern die Konfliktlösung durch Mediation statt Gerichtsverfahren.

  
Weitere Informationen und geeignete Mediationspersonen finden sich unter www.infomediation.ch oder 0800 001 444

Text: Werner Knecht

 

Grafik Mediation






Dieser Text wurde uns vom SDM zur Verfügung gestellt, er erscheint unter anderem in der Neuen Zürcher Zeitung und in der NZZ am Sonntag (Beilage NZZ Executive - Arbeitswelten). Druckversion PDF..

Orginalversion online: http://news.jobs.nzz.ch/2013/01/28/arbeitswelt-mediation-als-mittel-zur-konfliktloesung/

27.01.2013